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wann ist ein Hund ein Kampfhund?

Kampfhund_MOZ

Die Zahl der Hundeattacken geht im Land seit Jahren zurück. Während das Innenministerium die umstrittene Verordnung lobt, die Kampfhunde seit sechs Jahren verbietet, kritisieren Veterinäre und Tierschützer die dort verankerte Rasseliste.

Für Jaqueline Staller gehört Hundebellen zum Beruf. Die Postbotin stellt Briefe im Umland von Frankfurt (Oder) zu, auf vielen Höfen werden die Vierbeiner gehalten. Früher habe sie nie Angst gehabt, bis ein Schäferhund zuschnappte. „Er kam um die Ecke geschossen, ich war nicht schnell genug“, erinnert sie sich. Das Tier biss sie in den Hintern. Staller war mehrere Tage krankgeschrieben.

Deutsche Schäferhunde liegen auch in der Hundesbiss-Statistik des Landes an erster Stelle. 112 Mal griffen sie im Jahr 2008 einen Menschen oder andere Hunde an, allerdings bilden sie im Land mit 27 000 Tieren die größte Population. Zahlen vom Vorjahr liegen in Potsdam noch nicht vor, da noch nicht alle kommunalen Ordnungsämter ihre Statistik gesendet haben. Insgesamt sind in der Mark rund 110 000 Hunde registriert, die 503 Mal zuschnappten. Das Innenministerium stellt fest: „Bei den Haltern ist jetzt ein größeres Gefahrenbewusstsein ausgeprägt.“

Tatsächlich sind schwere Verletzungen nach Hundeattacken seltener geworden. Der letzte schwere Vorfall ereignete sich im Juli in Werder
(Potsdam-Mittelmark): Ein Kleinkind von einem Deutsch-Drahthaar ins Gesicht gebissen, als die Mutter für einen Moment nicht aufpasste.
Deutsch-Drahthaare zählen aber nicht zu den 18 offiziell als gefährlich eingestuften Hunden, deren Anschaffung im Land seit 2004 zum Teil verboten ist oder nur unter Auflagen gestattet wird. Dieses Verbot gilt zu recht, wie das Innenministerium betont. „Wenn Kampfhunde zubeißen, ist das nicht mehr kontrollierbar. Die steigern sich in einen Blutrausch“, sagt Sprecher Wolfgang Brandt. Durch die gesetzliche Änderung seien Attacken „gefährlicher Hunde“ zurückgegangen. Wurden 2005 noch über 100 Bisse dieser so eingestuften Vierbeiner von American Pitbull bis Rottweiler registriert, waren es 2008 nur die Hälfte. Veterinäre, Tierschützer und Hunde-Experten schimpfen indes weiterhin über die vom Land eingeführte Rasseliste. „Die Hundehalterverordnung ist überzogen“, sagt der Amtstierarzt von Oder-Spree, Thomas Maczek. „Bissig sind auch die Kleinen.“ In dieser Woche erst hatte er einen Fall, der die Schwächen der Regelungen aufdeckt. Eine Familie sei aus Südamerika nach Brandenburg zurückgekehrt, mit einem Staffordshire Terrier. „Doch der darf in die Mark nicht einreisen, obwohl er nie auffällig war“, erzählt Maczek.

„Ein Hund ist nicht durch seine Rasse aggressiv, er wird aggressiv gemacht“, sagt Thomas Boguth, Experte vom Berlin-Brandenburgischen Verband der Hundehalter (VdH). Auch ein Verbot von Kampfhunden nütze nichts: „Die werden in Osteuropa beschafft.“ Das bestätigt Ralph Bötticher, Amtstierarzt in Märkisch-Oderland. „Die werden aus Polen illegal eingeführt und landen irgendwann in Tierheimen.“

Ein weiteres Problem ist laut Boguth, dass viele Züchter selbst von der Zucht populärer Vierbeinern wie dem Schäferhund keine Ahnung haben, die Welpen würden viel zu früh abgegeben. „Dadurch sind sie in ihrem Sozialverhalten gestört.“ Hinzu komme, dass viele Kampfhund-Mischlinge existieren, die von Laien kaum noch zugeordnet werden können. „Die Ordnungsämter sind damit überfordert.“ Auch der Tierschutz-Referent im Verbraucherschutzministerium, Stephan Nickisch, ist „kein Freund der Hundehalterverordnung“. Die Festlegung auf Rassen sei nicht immer begründet, „vieles liegt an der Erziehung“.

Tierschützer wie Margot Wendland, die mit ihrem Verein ein Tierheim in Königs-Wusterhausen (Dahme-Spreewald) betreibt, hoffen auf eine Änderung der Verordnung. „Jetzt macht sie keinen Sinn, sie bringt nur viel Leid“, sagt sie. Für Kampfhunde bedeute sie oft „Knast auf Lebenszeit“, da sie von Tierheimen nicht vermittelt werden dürfen. Das Land zahle nur ein halbes Jahr für die Unterbringung.